Unser Verstand liebt es, die Kontrolle über Gefühle, Menschen, Situationen zu haben. Er schützt damit unser “inneres Kind” vor Überflutung. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird damit erfüllt. Dieses Sicherheitsbedürfnis resultiert häufig aus real erlebten Bedrohungen in der Kindheit. So ist z.B. ein  Mensch, der als Kind die Mutter bald verloren hat, auch später in seiner Beziehung entweder distanziert (um nicht erneut verlassen zu werden) oder extrem anhänglich (um nicht verlassen zu werden).

Kommt nun ein erwachsener Mensch zu einem psychologischen Gespräch, läuten für den Verstand innerlich die Alarmglocken. “Achtung mögliche Änderung in Sicht!”

Veränderungen sind für den sicherheitsbedürftigen Verstand eine Bedrohung.

Dagegen weiß er sich oft gut zu wehren: Er baut eine Mauer, einen Widerstand auf.

Gegen diesen Widerstand anzukämpfen ist seitens einer Psychologin nicht ratsam, weil es ihr enorm viel Energie kostet.

Zweitens bewirkt es oft das Gegenteil, nämlich, dass der Widerstand stärker wird.

Es bedarf daher anderer Zugänge, um den Widerstand zu umschiffen (den Verstand liebevoll auszutricksen) und ihm gleichzeitig Sicherheit zu vermitteln.

Diese Möglichkeit bietet die paradoxe Intervention aus der systemischen und Verhaltenstheorie.

Paradox bedeutet so viel wie “neben, daran vorbei, außer, wider”.

Mit Intervention ist eine geplante, gezielte psychologische, pädagogische, therapeutische Maßnahme gemeint, die zu Bewusstseinserweiterung, Einsicht und idealerweise zu neuem Verhalten eines Menschen (Kind, Klient,..) führt.

Die Beschäftigung mit der Paradoxie führt dabei idealerweise zu Erkenntnissen (Aha-Effekten), die zu Verhaltensänderung motivieren.

Paradoxe Interventionen stehen nur scheinbar im Widerspruch zu therapeutischen Zielen, wurden jedoch dazu entworfen, gerade diese Ziele zu erreichen.

Paradoxe Interventionen können im professionellen wie im privaten Setting hilfreich sein.

Paradoxe Techniken:

  • Symptomverschreibung:

Bei der Symptomverschreibung wird vereinbart, dass das unerwünschte Verhalten geübt werden soll. Man verschreibt sich sozusagen dem Symptom. z.B. ein depressiver Mensch, der meint, dass er im Haushalt nichts schaffe, soll eine Woche lang im Haushalt absichtlich gewollt absolut nichts tun. Das Ergebnis kann sein, dass der Mensch merkt, dass er ja doch viel tut, aber sich hauptsächlich durch seine fordernden Gedanken im Handeln lähmt. Die Selbstwirksamkeit kann gesteigert werden.

  • Paradoxe Fragen

Was müsste ich tun, damit das Symptom stärker wird?

Was müsstest du tun, damit dein Symptom stärker wird?

Angenommen, das Problem wäre morgen weg, was wäre der Nachteil?

Was müsste ich tun, damit ich ihr Problem bekommen könnte, angenommen Sie wollten es mir übergeben?

Mit diesen Fragen kann die Einsicht, selbst etwas zum Erleben beitragen zu können, gesteigert werden.

  • Paradoxe Intention

Mit der paradoxen Intention wünscht man sich genau das Verhalten herbei, wovor man Angst hat. z.B. wenn ein Vater Angst hat, dass das eigene Kind ein Versager werden könnte, so stellt er sich genau das vor.

Das Ergebnis ist eine Entkatastrophisierung und Realitätsprüfung. Meist verliert der Dämon sein bedrohliches Gesicht, wenn man sich ihm stellt.

Paradoxe Interventionsformen überraschen den Verstand. Sie bringen uns leicht zum Lachen, also haben also etwas Lustvolles, Spielerisches an sich.

Paradoxons berühren unsere Schatten

Meist will man ein unerwünschtes/belastendes Verhalten weg haben und geht deshalb zur Psychologin. Mit der paradoxe Intervention gibt man aber genau diesen verneinten, verbotenen, abgelehnten Impulsen Raum. Sie fühlen sich somit erkannt und können sich wandeln.

Oft lindert allein die Erlaubnis, ganz das Gegenteil sein zu dürfen, den Leidensdruck. Der Klient bekommt das Gefühl, so sein zu dürfen, wie er ist und kann sich danach freiwillig  – ohne inneren Druck – zu einem neuen Verhalten entscheiden.

Paradox kann auch ein überraschendes Verhalten wirken.

So zum Beispiel hat im obigen Bild der Mann eine rote Nase aufgesetzt und bringt auf diesem Weg seine klagende Ehefrau zum Lachen!